SM und Toleranz - Zwei Welten treffen aufeinander

Die SM-Szene blickt ein wenig neidisch auf die Schwulenszene. Noch vor 40 Jahren war Schwulsein gesetzlich verboten, und schwule Handlungen standen bei Androhung von Gefängnis unter Strafe. Heute ist die Schwulenszene anerkannt, akzeptiert und respektiert, nicht zuletzt durch das öffentliche Leben verschiedener Fernsehgrößen und sogar Politiker. Man kämpft gemeinsam und erfolgreich für die Anerkennung der Schwulenehe und für die Gleichstellung der homosexuellen Partnerschaft zum heterosexuellen Paar in Bezug auf Adoptions- und Erbrecht. Die Schwulen und Lesben verbindet im Großen und Ganzen eines: gemeinsame Ziele.

BDSM ist noch heute gegen das Gesetz. Fügt ein Dom seinem Sub Schmerzen und körperlichen Schaden zu, ist das Körperverletzung, auch wenn der Sub damit einverstanden ist, und der Dom hat sich dafür zu verantworten, wenn er angezeigt wird - wobei die Anzeige nicht einmal vom "Geschädigten" selbst kommen muss. Es reicht, wenn ein Nachbar bei der Polizei angibt "Herr X schlägt seine Frau", und die Polizei ist verpflichtet zu ermitteln. Das Foto einer Frau im Korsett ist ein Aktbildnis, das Foto einer Frau im Korsett mit einer Peitsche ist Pornografie. Um diese Gesetzgebung zu ändern, müsste man, ähnlich den Schwulen, geschlossen dagegen angehen. Doch abgesehen davon, dass sich bisher nur wenige Prominente durch die Blume als dominant oder submissiv geoutet haben und dem einzelnen SMler das Outen noch immer schwerfällt, dürfte dieses Vorhaben an einem scheitern: An der mangelnden Toleranz der SMler untereinander.

Wie äußert sich dieser Mangel an Toleranz?

  1. In der Beurteilung der Person des anderen
  2. In der Beurteilung der Praktiken des anderen

zu 1:

Wohl jeder Sub hat schon einmal einen Vortrag von einem Dom zu hören bekommen: "Wie, du bist nicht devot/ maso/ unterwürfig/ schmerzgeil/ willenlos? Du willst nicht gepeitscht/ erniedrigt/ genadelt/ bestraft werden? Dann bist du kein richtiger Sub." Steht irgendwo geschrieben, was ein Sub zulassen und mitmachen muss, damit er sich Sub nennen darf? Ist es nicht jedem selbst überlassen, wie devot, maso, unterwürfig, schmerzgeil oder willenlos er sein möchte?

Im Chat werden Nicks belächelt und kommentiert, als würden diese 1 : 1 auf die Person dahinter schließen lassen, und neue Chatter mit dem Nick "Sir Sowieso" oder "Sklavin X" müssen erst einmal beweisen, dass sie diesen Nick auch zu Recht tragen. Man erlaubt sich ein Urteil über die Leute, mögen diese nun sehr unsicher oder aber sehr selbstsicher auftreten, und je "erfahrener" man selbst ist, desto spöttischer blickt man auf Unerfahrene herab, statt sein Wissen zu teilen und weiterzugeben.


zu 2:

Es hat seinen guten Grund, warum Veranstalter von SM-Parties auf ihren Webseiten darauf hinweisen, dass die Spielenden im Spielraum in Ruhe zu lassen sind. Sonst würde manch einer der Zuschauer der Versuchung erliegen, einen Kommentar abzugeben: "Wie kann man sich nur blutig schlagen lassen? Wie kann man sich nur Wachs auf die Zunge träufeln lassen? Wie kann man stundenlang neben dem Dom knien? Bäh - das ist ja pervers." Dabei hat niemand etwas dagegen, wenn man sich denkt oder seiner Begleitung zuflüstert: "Das wäre aber nichts für mich." Man stelle sich die gleiche Situation in einem Restaurant vor. Wie würden die Gäste reagieren, wenn jemand lauthals seinen Kommentar zur Bestellung eines anderen abgibt: "Wie, du isst Krabben? Bäh, das ist ja widerlich. Wie kann man nur. Ich werde mir das nicht ansehen." Unvorstellbar, oder? Aber beim SM ist es möglich und wird jederzeit getan, ob nun virtuell oder real, hinter dem Rücken oder offen.

BDSM ist so unendlich vielfältig, dass man sich schon theoretisch ausführlich damit beschäftigen muss, will man über die ganze Bandbreite Bescheid wissen, und selbst dann gibt es immer noch eine Praktik oder Vorgehensweise, die ein Paar neu erfunden hat und die (noch) kein anderer kennt oder ausführt. Praktisch wird man selbst bei langjähriger SM-Erfahrung nicht alles ausprobieren, was es gibt, weil man von vornherein zu wissen glaubt, dass man es nicht mögen würde und nicht möchte - und wenn man es doch probiert, weiß man es dann sicher. Nicht jeder Dom und jeder Sub kann alles mögen, das ist völlig unmöglich, auch wenn man sich im Laufe der Zeit verändert und anderes, neues ausprobieren möchte.

Der Einzelne ist nicht berechtigt, den Anderen zu beurteilen, zu verurteilen, zu beleidigen oder gar zu verdammen, der eine Spielart spielt, die man selbst ganz und gar ablehnt. Niemand hat etwas dagegen, wenn man nachfragt und seine eigene Einstellung äußert, jeder andere Kommentar hat zu unterbleiben. Wir sind alle SMler, egal, wie wir es leben, und der eine ist nicht perverser als der andere. Selbst wenn wir niemals eine große, glückliche Familie werden, sollten wir eines tun -

leben und leben lassen. liebe